Neonazistische Alltagsmode- die Bekleidungsmarke Thor Steinar
Monday, 3. December 2007
 von Peter Conrady

 

Jugendliche und junge Erwachsene haben, gleich welcher politischen und kulturellen Coleur, eines gemeinsam: Musik und Bekleidung spielen eine herausragende Rolle zur Verortung der eigenen Zugehörigkeit in die verschiedenen Szenen und (Sub-)Kulturen und damit schliesslich zur Selbstvergewisserung von Identität. Gleichzeitig dienen Musik und Bekleidung als die Mittel schlechthin, sich nach außen, also von anderen, abzugrenzen.

Gerade in der Neonazi-Szene dient das Tragen und somit Zeigen von diversen Parolen, Logos, u.ä., genauso wie das Tragen von bestimmten Marken, zur Demonstration der politischen Gesinnung.
Während es bis zum Beginn des neuen Jahrtausends noch die Bomberjacken-Springerstiefel-Glatzköpfe waren, die allein mit ihrem Outfit eine bestimmte und zumeist bedrohliche Ausstrahlung erreichen, stellt sich die Situation heute deutlich differenzierter dar. Dennoch blieb das Muster dasselbe. Das Tragen bestimmter Marken und Aufdrucke und damit letztendlich das Zur-Schau-Tragen äußerer (Wieder-) Erkennungsmerkmale  schafft nach wie vor eine Binnenwirkung ("ich gehöre dazu", "der ist einer von uns") UND eine Aussenwirkung ("der gehört zu den Rechten", "der will als Rechter erkannt werden").
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit neonazistischer Alltagskultur immer auch im Zusammenhang mit den jeweils aktuell rezipierten Lebensweisen, Musikstilen und eben auch Bekleidungsvorlieben geführt werden muss.

In den letzten Jahren entwickelte sich dabei die Marke Thor Steinar zu der Neonazi-Marke schlechthin. Überall, wo neonazistische Jugendliche und Erwachsene zusammen kommen,  sei es ein Aufmarsch, eine Saalveranstaltung, im Jugendklub, der Treff an der Ecke, usw. - Thor Steinar ist dabei. Gerade an den Aufmärschen als öffentliche politische Veranstaltung kann beobachtet werden, dass Thor Steinar mit Abstand die beliebteste Marke ist.  Dass das nur Zufall und Modebewusstsein wäre, kann getrost von sich gewiesen werden.

Wer Thor Steinar trägt, zeigt dass er oder sie sich stilbewusst für eine modische und sportliche Marke entschieden hat. Damit ist die Marke Ausdruck und einer der Motoren der aktuellen Veränderungsprozesse innerhalb der neonazistischen Szene.
Obgleich die enge Verquickung mit der organisierten Neonazi-Szene offensichtlich scheint, sind konkrete Nachweise zumeist nur indirekt zu führen. Deren Vielzahl jedoch ergibt ein umfassendes Bild, dass nur den Schluß zulässt, dass Thor Steinar eine Bekleidungsmarke ist, die explizit modebewusste Jugendliche und junge Erwachsene aus der rechten und neonazistischen Szene ansprechen will.

Einem größeren Spektrum der Öffentlichkeit wurde die Marke Thor Steinar erst bekannt im Zuge der verschiedenen Gerichtsverfahren um das alte Logo des Labels. Damals zeigte das Logo eine Binderune, bestehend aus der Tyr- und der Sig-Rune. Die erste war im Nationalsozialismus Symbol der SA-Reichsführerschule, letztere des Deutschen Jungvolks. Nach wie vor ist die Rechtslage zu dem Logo uneindeutig. Während es in einigen Bundesländern inzwischen nicht mehr juristisch verfolgt wird, stellt das Zeigen des Logos in anderen Bundesländern einen Verstoß gegen § 86a dar. So kommt es zu der merkwürdigen Situation, dass beispielsweise Zugreisende von Cottbus nach Leipzig, in Cottbus mit dem Symbol auf der Brust legal einsteigen können, in Leipzig beim Aussteigen aber ein Ermittlungsverfahren riskieren. Dieses Vorgehen führte u.a. zu einem deutlichen Anstieg der Propagandadelikte in der sächsischen Statistik.
Thor Steinar reagierte auf die Rechtslage noch vor einer endgültigen gerichtlichen Klärung mit der Verwendung eines neuen Logos.
Dieses zeigt ein schlichtes x mit zwei Punkten auf rotem Grund.
Je nach Lesart kann auch hier ein Bezug zum Nationalsozialismus hergestellt werden. So erkennt das Onlineportal NPD-Blog hierin eine Gifu-Rune und schreibt dazu: "Tatsächlich aber hat 1932 Siegfried Adolf Kummer im Buch "Heilige Runenmacht" die Gifu-Rune noch als "die stellvertretende Rune des Fyrfors, des Hakenkreuzes" bezeichnet." Die Rechtsabteilung von Thor Steinar dementiert diese Anspielung aber und verweist zudem zutreffend darauf, dass die Gifu-Rune keine bekannte Verwendung im NS gefunden hat.
Eine weitere abenteuerliche Interpretation bezieht sich auf den Namen der Marke selbst. Diese liesst sich bei NPD-Blog wie folgt: "Der Donnergott Thor trifft auf eine Namensabwandlung des Generaloberst der Waffen-SS Felix Steiner."
Unabhängig von den zu geschriebenden Interpretationen des Symbols, bietet die Firma selbst auf der hauseigenen Homepage einige Verweise, die den Bezug zu neonazistischen Szene verdeutlichen. Dabei spielen nicht nur die Vielzahl von eindeutigen T-Shirt -Motiven eine Rolle, die die avisierte Zielgruppe auch politisch ansprechen sollen, sondern auch weitere Darstellungen.
So wird in der Rubrik "Wissen!" ein Zitat aus dem Gedicht "Wir rufen deine Wölfe" von Friedrich Hielscher veröffentlicht. Der Nationalrevolutionär war einer der Vordenker der esoterisch-okkultistisch angehauchten Reichsidee eines "Geheimen Deutschland".  Nach wie vor ist er in der Szene hoch im Kurs, genauso wie die Externsteine, deren Bild als Wallpaper zum Download bereit gestellt wird.
In der Rubrik "Thor Steinar Mystik" findet sich eine Darstellung des Forts Namutoni. Mit gleichnamiger Aufschrift bietet die Firma auch Shirts an.
Namutoni war ein Fort der Deutschen Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika.
Gemeinhin gilt die deutsche Kolonalzeit nicht als Aushängeschild, zudem waren die im Fort zusammengezogenen Soldaten beteiligt an der Niederschlagung des Herreroaufstandes 1904.

Besonders deutlich werden die Verknüpfungen zwischen Thor Steinar und der Neonazi-Szene beim Blick ins europäische Ausland.

Beispiel Tschechien


Der Prager Laden für neonazistische Streetwear "Hatecore-Shop" hat neben Neonazi-CD's auch diverse einschlägige Streetwear-Marken im Angebot. Um auf die Homepage des Versandgeschäfts zu gelangen, muss  ein Logo angeklickt werden, auf welchem eine Person eine Pistole auf den Betrachter richtet, umrandet von dem Slogan "Good Night, Left Side". Der Betreiber des Ladens, Martin Franek,gehört seit Jahren zu den Führungspersonen der militanten tschechischen Neonaziszene. Er ist aktiv für "Narodni Odpor" - die Nachfolgebewegung der böhmischen Blood&Honour-Sektion und war gilt als einer der führenden Organisatoren von Neonazi-Konzerten in Tschechien.  So organisierte er mit Robert Furych aus Plzen am 18. November 2006 im tschechischen Dražice eine sogenannte "Hate Core Night" mit Teardown (US), Race Riot und Path of Resistance (beide Dtl.) - den derzeit beliebtesten Hatecore-Bands.
Robert Furych betreibt in Plzen ebenfalls ein Bekleidungsgeschäft mit Thor Steinar und Hooligan-Streetwear. Darüber vertreibt er nach Angaben tschechischer AntifaschistInnen exklusiv die Marke Thor Steinar in Tschechien.  Dazu ist er Manager der Blood&Honour-nahestehenden Band Conflict 88 (CZ).
Beispiel Skandinavien
Der einzige schwedische Thor Steinar Laden in Stockholm-Huddinge wird betrieben von Aktivisten der Svenska Motståndsrörelsen (SMR, Schwedische Widerstandsbewegung). Diese gilt aus Sicht schwedischer AntifaschistInnen als eine der militantesten schwedischen Nazigruppierungen und ihren Mitgliedern wird die Beteiligung an mehreren bewaffneten Übergriffen zur Last gelegt. Zudem wird in dem Laden auch die Neonazi-Zeitschrift "Nationellt Motstand" (Nationaler Widerstand) verkauft.

Dänische AntifaschistInnen berichten, dass in Dänemark mittlerweile Thor Steinar exklusiv durch ein Mitglied der  Hells Angels vertrieben wird. Dass es in der Vergangenheit enge Verbindungen zur organisierten Neonazi-Szene gab, wird beispielsweise dadurch belegt, dass Online-Bestellungen teilweise vom selben Postfach aus versendet wurden, dass auch von der Neonazi-Partei Dansk Front und Blood&Honour Danmark genutzt wurde.

Auch wenn sich die Betreiber und Inhaber von Thor Steinar um ein seriöses und unauffälliges Geschäftsgebaren bemühen, so wird an den genannten Beispielen doch deutlich, dass Thor Steinar eine Marke ist, die nicht nur aus dem Szene-Verständnis selbst, sondern auch durch aktives Mittun seitens der europäischen Geschäftsebene, mit Fug und Recht als neonazistische Streetwear-Marke verstanden werden kann.
 
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